
Die Dokumentation
Die Londoner Filiale der Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), deren Mehrheitsaktionäre das chinesische Finanzministerium und weitere staatliche Stellen sind, hat wiederholt Kunden behalten oder aufgenommen, die ihre eigene Compliance-Abteilung als hochriskant eingestuft hatte. Zu diesem Ergebnis kommt „China Capital“, eine am 14. September 2026 veröffentlichte Recherche des Internationalen Konsortiums investigativer Journalisten (ICIJ) und 23 Medienpartnern.
Die Berichterstattung des ICIJ stützt sich auf 4,8 Millionen interne Dokumente auf Englisch und Chinesisch aus der Filiale und einer Tochtergesellschaft unter derselben Adresse, aus den Jahren 2005 bis 2024. Darunter sind fast 200 Kreditverträge, die zwischen 2010 und 2024 mit Kreditnehmern in rund 30 Ländern geschlossen wurden. Laut ICIJ forderte Peking die Londoner Mitarbeiter mitunter auf, Ziele der Belt-and-Road-Initiative zu verfolgen; manche Kreditformulare enthielten einen Abschnitt „China rationale“.
Angola: Kredite auch nach den Luanda Leaks
ICBC London half der Zentrale laut ICIJ, mehr als 2,5 Milliarden Dollar an Sonangol zu verleihen, Angolas staatlichen Ölkonzern, der damals von Vertrauten des inzwischen verstorbenen Präsidenten José Eduardo dos Santos kontrolliert wurde. Die Geschäftsbeziehung bestand auch nach der Luanda-Leaks-Recherche des ICIJ von 2020 über das Firmenimperium seiner Tochter Isabel dos Santos fort.
Interne Vermerke aus dem Jahr 2021 bezeichneten Kritik an Isabel dos Santos als „bis zu einem gewissen Grad von chauvinistischen Interessen motiviert“; in einem hieß es, Angola sei ein Belt-and-Road-Partner Chinas. Laut ICIJ wurde sie später von den USA und Großbritannien mit Sanktionen belegt und in Angola angeklagt, dem Staat Verluste von rund 219 Millionen Dollar verursacht zu haben.
Sierra Leone: ein vorschnell zugesagter Hafenkredit
Ende 2017 genehmigten ICBC und eine weitere chinesische Staatsbank einen Kredit über 659 Millionen Dollar für den Ausbau des Queen-Elizabeth-II-Kais in Freetown. Den Unterlagen zufolge sagte die Londoner Filiale auf Wunsch der Pekinger Zentrale den Kredit zu, bevor ihr alle nötigen Dokumente des Projektentwicklers National Port Development (SL) Ltd vorlagen, der laut ICIJ von den Britischen Jungferninseln aus kontrolliert wird.
Spätere Prüfungen stießen auf öffentliche Berichte über „erhebliche Bestechungs- und Korruptionsvorwürfe“ gegen zwei Eigentümer des Entwicklers. ICBC beschloss, das Geld nicht auszuzahlen, widerrief die Kreditlinie laut ICIJ aber nicht förmlich, unter anderem um die Regierung von Sierra Leone nicht zu verärgern.
Ausnahmen bei Sanktionen und politisch exponierten Kunden
Die Akten zeigen, dass die Filiale auch anderen Hochrisikokunden entgegenkam. 2017 wurde über sie ein Kredit von 105 Millionen Dollar an den russischen Bergbaukonzern Nornickel vergeben, an dem Oleg Deripaska indirekt rund 13 Prozent hielt. Nachdem das US-Finanzministerium Deripaska im April 2018 sanktioniert hatte, meldete ein Compliance-Beauftragter einen Verstoß; die Verantwortlichen machten jedoch eine Ausnahme, weil er nur Minderheitsaktionär sei. 2020 sagte ICBC im Rahmen eines Konsortialkredits von 21 Banken weitere 200 Millionen Dollar zu.
In Aserbaidschan nahm ICBC laut ICIJ 2017 trotz Korruptionswarnzeichen die Pasha Bank als Kundin auf, an der Töchter von Präsident Ilham Aliyev beteiligt sind. Als die Bank die Beziehung 2021 zu überdenken begann, verschob sie den Ausstieg, bis Einlagen von 24 Millionen Dollar fällig geworden waren.
Die Stellungnahmen
ICBC reagierte laut ICIJ nicht auf wiederholte Anfragen. Die chinesische Regierung wies über einen Sprecher „falsche Narrative“ über „intransparente Kreditvergabe“ zurück. Sahr Ngegba, der für die Direktoren von National Port Development antwortete, nannte die Vorwürfe „haltlos“, erklärte, das Vorhaben habe die „zuständigen Regierungs- und Parlamentsverfahren in Sierra Leone“ durchlaufen, und sagte, das Unternehmen habe keine förmliche Mitteilung erhalten, dass die Kreditlinie wegen Korruptionsvorwürfen gekündigt worden sei.
Deripaska bestreitet jedes Fehlverhalten und bezeichnet die Sanktionen gegen ihn als politisch motiviert. Isabel dos Santos hat Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen. Sonangol, Pasha Bank und Nornickel antworteten dem ICIJ nicht.
Offene Fragen
Wie bewerteten die britischen Aufseher der Filiale deren Appetit auf Hochrisikogeschäfte, während diese Entscheidungen fielen? Steht die nicht ausgezahlte Kreditlinie für Freetown in den Büchern der ICBC formal noch offen? Und wie viel der Sonangol-Kredite ist inzwischen zurückgezahlt?
Die Erkenntnisse beruhen auf geleakten internen Dokumenten, die The Ledgers nicht eingesehen hat. Interne Risikobewertungen und Compliance-Warnungen sind keine Feststellungen von Fehlverhalten; kein Gericht hat festgestellt, dass ICBC oder einer der hier genannten Kunden im Zusammenhang mit diesen Geschäften rechtswidrig gehandelt hat.
Auf Grundlage von Berichten von: ICIJ · China Capital · 14. September 2026; ICBC · Geschäftsbericht 2025; US-Finanzministerium · Sanktionierung Deripaskas · 6. April 2018.
Quelldokumente
03- ICIJ · China Capital · 14. September 2026Kein öffentlicher Link angegeben
- ICBC · Geschäftsbericht 2025icbc.com.cn
- US-Finanzministerium · Sanktionierung Deripaskas · 6. April 2018home.treasury.gov
Dossier-Aktualisierungen
Bericht veröffentlicht
Recherche läuft
Redaktioneller Recherchestatus erfasst.
Redaktioneller Hinweis
Dieses Recherche-Briefing fasst die Recherche „China Capital“ des Internationalen Konsortiums investigativer Journalisten sowie die zitierten öffentlichen Dokumente zusammen. The Ledgers hat die geleakten ICBC-Unterlagen nicht unabhängig geprüft; Zitate stammen aus der Berichterstattung des ICIJ. Mehrere der genannten Parteien bestreiten die Vorwürfe. Die Illustration ist KI-generiert und zeigt kein tatsächliches Ereignis und keine reale Person.
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